Unser Anliegen

Moralisch begründetes Verhalten ist wichtig, nicht nur für den einzelnen, auch für die Gesellschaft insgesamt. Wir bewundern zu Recht diejenigen Menschen, die aufgrund ihrer tiefsten Überzeugungen und Wertvorstellungen den beiden Diktaturen auf deutschem Boden entschiedenen Widerstand geleistet haben – zum Teil bis in den Tod. Andererseits haben wir auch in der jüngsten Vergangenheit immer wieder erschreckende Beispiele dafür erlebt, wozu fehlgeleitete Moralvorstellungen auch führen können.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass gerade auch Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit geboten wird, sich mit Ethik, also der Lehre des Sittlichen und Moralischen, auseinanderzusetzen. Wir begrüßen es daher ausdrücklich, dass an Berliner Schulen Ethik zu einem ordentlichen Lehrfach geworden ist.

Freilich ist Ethik kein Lehrfach wie jedes andere. Moralische Bewertungen hängen vom jeweiligen Menschenbild und davon ab, was der Betrachter als den Sinn des Lebens ansieht. So mag zwar der atheistische Humanist in einzelnen moralischen Wertungen zum selben Ergebnis kommen wie der überzeugte Katholik. Wichtig ist für beide aber, dass er seine eigene Moral in Übereinklang mit seinen Vorstellungen vom Sinn des Lebens entwickeln kann.

Es ist nicht von ungefähr, dass viele der von uns heute bewunderten großen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus ihr Leben in einer festen religiösen oder weltanschaulichen Verwurzelung gelebt haben, wie Dietrich Bonhoeffer als überzeugter evangelischer Christ, Bernhard Lichtenberg als katholischer Priester oder Carl von Ossietzky als atheistischer Humanist: Sie alle haben aus ihrer eigenen Anschauung der Welt moralische Werte entwickelt, nach denen sie gehandelt haben.

Daher muss ein auf die ethische und moralische Bildung junger Menschen ausgerichteter Unterricht nach deren Grundüberzeugungen differenzieren. Christliche, muslimische, jüdische oder atheistische Schülerinnen und Schüler werden unterschiedliche Fundamente für ihre moralischen Vorstellungen entdecken. Es ist Sache des Staates, diese Vielfältigkeit zu respektieren. Nur wer seine moralischen und ethischen Vorstellungen mit seiner Vorstellung von Leben in Übereinklang zu bringen vermag, wird in seiner Haltung gefestigt sein und gleichzeitig Verständnis und Toleranz gegenüber denjenigen wahren können, die andere Grundvorstellungen haben.

Daher fordern wir die Einführung von Religion als ordentlichem Lehrfach auch an den Berliner Schulen im Rahmen einer Fächergruppe Ethik/Religion - übrigens ebenso, wie dies in fast allen anderen Bundesländern bereits heute der Fall ist. Gleich ob evangelische oder katholische Christen, Moslems, Juden oder überzeugte Atheisten, sie alle sollen und müssen die Möglichkeit erhalten, die Grundlagen ihrer eigenen Überzeugung kennen zu lernen und damit das eigentliche Fundament ihrer ethischen und moralischen Vorstellungen zu legen.